Interview mit Christoph Kotowski,

Vorsitzender der Jungen Liberalen Wesseling,

anlässlich der Europawahl 2009


Anlässlich der Europwahl am 7. Juni 2009 gab der Vorsitzende der Jungen Liberalen Wesseling, Christoph Kotowski (25 Jahre), ein Interview für das in polnischer Sprache erscheinende Wochenmagazin „Info & Tips“.

Das Magazin wird seit vielen Jahren in Frankfurt herausgegeben und richtet sich an in Deutschland lebende oder arbeitende Menschen aus Polen. Auch in Wesseling gibt es eine starke Leserschaft, welches eine hohe Zahl Bürger aufweist, die polnischen Migrationshintergrund besitzen.

Zu dem Interview kam es nicht nur aufgrund der Kandidatur Christoph Kotowskis für den Wesselinger Stadtrat, sondern auch, weil er selbst Wurzeln in Polen hat und die polnische Sprache beherrscht sowie sich ausgiebig mit dem Thema Migrationspolitik auseinander setzt.

 

Herr Kotowski, Sie sind Vorsitzender der Jungen Liberalen im rheinischen Wesseling und Direktkandidat der FDP für den dortigen Stadtrat. Außerdem sind Sie einer von etwa zwei Millionen polnischstämmigen Bürgern in Deutschland und gehören zu der jungen Generation, die teilweise noch in Polen geboren wurde aber in Deutschland aufgewachsen ist und seit den Fußballprofis Lukas Podolski und Miroslav Klose, Tennisaufsteigerin Sabine Lisicki oder DSDS-Sieger Thomas Godoj auch medial in Erscheinung getreten ist. Was hat Sie zu Ihrer Kandidatur bewogen?

Grundsätzlich einfach der Wunsch nach dem „dabei sein“. Dabei zu sein, wenn entschieden wird. Sich nicht bevormunden zu lassen und selbst aktiv mitzuwirken. Vielleicht aber auch, wie Sie angesprochen haben, ein engagierter Bürger dieses Landes zu sein und zu zeigen, dass auch Migranten, oder in meinem Fall „Spätaussiedler“, nicht nur aus einseitigen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Schließlich lebe ich hier mittlerweile seit 22 Jahren, also fast mein ganzes Leben lang. Deutschland ist also meine Heimat.

 

Gibt es Besonderheiten, auf die Sie als polnischstämmiger Jungpolitiker wert legen oder Themen, für die Sie sich insbesondere wegen Ihrer Herkunft engagieren?

Nein. Schließlich behaupte ich von mir, voll integriert zu sein. Meine Ansichten oder Belange sind nicht anders, als die derer, die hier seit Generationen leben und quasi „echte Deutsche“ sind. Die in Deutschland lebenden Polen haben sich sowieso sehr gut integriert und mit der hiesigen Gesellschaft assimiliert.

 

Am 7. Juni 2009 findet die Europawahl statt. Zum zweiten Mal nach 2004 dürfen dabei auch polnische Staatsbürger daran teilnehmen. Wieso sollten sie dies tun?

Zuerst einmal ist es wichtig zu erwähnen, dass sie dies auch hier in Deutschland können. Sie sind wahlberechtigt, soweit sie älter als 18 Jahre sind und seit mehr als drei Monaten ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Wenn sie gemeldet sind, können sie in den Wahllokalen vor Ort zur Urne gehen. Alternativ können sie im entsprechenden Konsulat oder der Botschaft zur Wahl gehen.

Zur Wahl gehen sollten sie deshalb, weil die Politik, die auf europäischer Ebene beschlossen wird, immer mehr auf unser Leben einwirkt.

Entscheidungen, die beispielsweise für uns vor Ort oder der Heimatstadt östlich der Oder wichtig sind, werden immer öfter in Brüssel getroffen. Daher ist die Europawahl sehr entscheidend und ihre Beteiligung nicht nur ein Recht auf Demokratie und Mitbestimmung, sondern auch die Pflicht eines jeden Europäers.

 

Weshalb treten Sie im Wahlkampf für die FDP an?

Weil Sie die Freiheit des Einzelnen besonders stark repräsentiert und liberale Werte vertritt. Vor allem aber, weil sie offen ist für Neues, Integration fördert und junge Politik macht. Letzteres, weil viele Aktive und Spitzenpolitiker in der FDP selbst jung sind, die Chancen auf echte Mitwirkung für junge Mitglieder also größer ist, als etwa in den Volksparteien und ihren verkrusteten Strukturen. Bezogen auf die Europapolitik, leistet die FDP außerdem eine hervorragende, bürgernahe Arbeit und setzt sich für die wichtigen Reformen und das Miteinander in Europa ein.

 

Viele der in Deutschland lebenden Polen ohne deutsche Staatsbürgerschaft gehen meist handwerklichen Tätigkeiten nach oder arbeiten in der Pflege. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesen Menschen und der Europawahl.

Einen sehr großen, wird doch hier entschieden, wie ihr zukünftiger Status ist. Schließlich arbeiten Sie im Ausland und meist gehen beispielsweise die in der Altenpflege tätigen Frauen aus Polen aber auch anderen Ländern Mittel- und Osteuropas einer immer noch illegalen Tätigkeit nach.

 

Welche Probleme entstehen dadurch?

Da sie in Deutschland schwarz arbeiten, haben sie keine Möglichkeit auf eine entsprechende gesundheitliche und soziale Absicherung und müssen sich manchmal regelrecht versteckt halten. Gleichzeitig machen sich ihre Auftraggeber strafbar und viele Leute, die diese Möglichkeit nutzen, fühlen sich zumeist als Kriminelle hingestellt, obwohl sie nur für Ihre Verwandten sorgen wollen, aber den normalen, sehr bürokratischen und teuren Weg nicht gehen können oder ihre Verwandten nicht ins Pflegeheim stecken möchten.

 

Welche Lösungswege gibt es seitens der Politik in Deutschland?

Da sich, wie bereits gesagt, nur etwa zehn Prozent der Pflegebedürftigen oder der Angehörigen eine legale Haushaltshilfe leisten können, wird immer mehr Bedarf nach illegalen Arbeitskräften entstehen. Der starke Anstieg der Pflegebedürftigen in unserer Gesellschaft belastet zudem die jüngeren Generationen schon jetzt mit unerträglich hohen Kosten. Echte Lösungen wurden allerdings seitens der Regierenden bisher nicht gefunden.

Auch wenn das Thema sehr komplex und medial heikel zu besprechen ist, denke ich, dass die Politik diesen Sektor legalisieren und das Arbeiten in Deutschland und europaweit für beispielsweise polnische Pflegekräfte aus der Grauzone heben muss. Damit wäre nicht nur den Pflegekräften geholfen, auch das Gesundheitssystem in Deutschland könnte dadurch entlastet werden.

Einen anderen Weg als diesen gibt es meiner Meinung nach nicht. Zumindest nicht im Einklang mit den Menschen, die davon betroffen sind.

 

Herr Kotowski, vielen Dank für das Interview!

Der Dank liegt ganz meinerseits, es war mir eine Freude.

 

Das Interview führte Tomasz Sładkowski für „Info & Tips“ 2009.

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